Mein Glück mit den technischen Errungenschaften auf vier Rädern ist ja nun hinlänglich bekannt. Nach dem Totalzusammenbruch kurz hinter der Harbour Bridge und der ungewollten Talfahrt trotz Handbremse samt Verletzung eines unschuldigen Baumes mit den letzten zwei Vehikeln, hinter deren Steuerrädern ich Platz genommen hatte, hatte ich ja schon leise Vermutungen geäußert, dass irgendeine schicksalsgebende Kraft mir nach dem Leben trachten könnte.Ohne zu übertreiben, man könnte sagen - fast wäre es gelungen.
Oder aber man könnte sagen, dass das Karma mich ausnehmend gutes und wertvolles Mitglied der menschlichen Gemeinschaft warnen wollte. Eine Karte, gebracht von einer weißen Taube, hätte vielleicht besser funktioniert. Denn immerhin glaubte ich jetzt eine ganze Weile, meine Fahrzeugkatastrophen müssten irgendwie an mir liegen. Sinnvoll wäre ungefähr dieser Ratschlag des Universums gewesen: "Liebe Julia, willkommen in Australien. Schön dass du da bist, wenn du Glück hast, wird das eine wirklich gute Zeit. Aber hör auf Mutter Zeit, halte dich von der Kombination schneller Autos und deutscher Jungens fern."
Was ist passiert? Folgendes. Der Tag hatte früh in Katherine begonnen, kurz nach Sonnenaufgang waren wir untwegs zum Nitmulik National Park, wo wir den ganzen Tag mit Kanus über den Fluß zwischen den Felswänden der überwältigenden Katherine Gorge geschippert waren. Vielleicht hätte ich schon gewarnt sein müssen, als mein Kanu, all meinen Bemühungen zum Trotz (Boris und ich haben gar versucht, rückwärst den Fluss hinauf zu fahren), stetig im Kreis gefahren ist - was vor allen Dingen einen stärkeren Ruderaufwand erfordert hat, was mir am Ende des Tages Blasen und Aluminiumspuren (vom Ruder) an den Händen sowie steife Arme und Schultern eingebracht hat. (Zwischenzeitlich dachte ich, ich müsste verhungern, weil ich meine Arme nie wieder würde beugen können. Essenstransport unmöglich.)Ein großartiger Tag trotz allem, nach den harten körperlichen Bemühungen hatte ich mich selbst mit einem Eis belohnt - Magnum Ego mit doppelt Schokoloade und Karamell - da fühlten sich die Arme schlagartig wieder gut an, und bald darauf saßen wir in unserem tapferen Mietwagen und waren unterwegs nach Daly Waters. Nun kann man sich denken, dass zu diesem Zeitpunkt der Tag schon vorangeschritten war und der Sonnenuntergang nahe.
Was ich aus Namibia weiß: Niemals in der Dämmerung fahren oder kurz danach. (Was man sich aber auch mit Menschenverstand erschließen könnte.) Schließlich ist das großartige am Outback ja, dass man sich in der Wildnis befindet. Und was findet man in der Wildnis? Richtig! Wilde Tiere!
Nun gut. Ich hatte mich der bereits geplanten Reise ja mehr oder weniger nur angeschlossen. Darüber hinaus wollte ich einfach nicht immer diejenige sein, die nörgelt (und mit dieser Entschuldigung fangen die meisten Probleme an, ich weiß). Genug der Rechtfertigung: Die auf die Rückbank verbannten Mädels haben einfach mal kollektiv den Mund gehalten, den ein oder anderen Blick ausgetauscht, und ansonsten keine Anstalten unternommen, eine Nachtfahrt zu verhindern.
Der Sonnenuntergang kam, und wir hielten noch einmal am Straßenrand, um dieses Naturschaupiel zu erleben. Boris, Dinka und ich trugen unsere großartigen Busch-Cowboy Hüte und wir besahen Arm in Arm, wie die Wet dunkelrot wurde und zu glühen begann - als ein Auto vorbeifuhr, bremste, und wenden wollte. Der arme Mensch dachte vermutlich, wir hätten eine Panne. Wenn man so mitten im Outback am Straßenrand parkt. Dummerweise hatte ich meinen Begleitern am Lagerfeuer die Geschichte des Verschwindens von Peter Falconio erzählt - der mit seiner Freundin von einem vermeintlichen Helfer am Straßenrand gestoppt wurde, welcher behauptete, dass etwas mit dem Wagen nicht stimme. Sobald der junge Mann das Auto verlassen hatte, wurde er erschossen. Seine Freundin entkam mit Mühe und Not, die Leiche Peter Falconios ist bis heute nicht gefunden. Nun hatte diese Geschichte offensichtlich Wirkung auf meine Begleiter, denn plötzlich rannten alle panisch los, nur weil dieser Mensch im Auto halten wollte. Irgendwer rief: "Shit, he's stopping, let's go!" Ich antwortete perplex: "Seriously?", worauf alle hektisch bejahten, ich verwirrt ins Auto sprang, meine Tasche auf dem Heck stehen ließ, die gerade noch von Dinka gerettet wurde, und Boris trat auf das Gaspedal, während die Türen noch offen waren - so verschwanden wir mit einer Staubwolke. Unser vermeintlicher Shotgun-Killer wendete erneut und fuhr seiner Wege, vermutlich nicht ohne sich sehr zu wundern. Oder uns für Kriminelle zu halten. Oder Wahnsinnige. Wie dem auch sei - die rasante Flucht mag sich auf Boris Fahrverhalten ausgewirkt haben.
Ich selbst war mit meinen Gedanken längst bei den Sternen und dem dritten Busch links hintem im Outback, als ich plötzlich das unheilsverkündende Geräusch scharf eingezogenen Atems hörte, ein "OH Shit" (oder etwas in der Richtung) von Olaf, dicht gefolgt von dem Quietschen unserer Reifen, als Boris eine mustergültige Vollbremsung hinlegte. Vor der Windschutzscheibe ein Schatten, dann ein Aufschlag, ein Rumpeln, das Auto stand, aus den Lautsprechern kam 'Hot Stuff' in der Version von The Bosshoss, um uns eine undurchdringliche Wolke aus Gummidämpfen, und ansonsten ein Moment absoluten Schweigens, bis das erste 'Fuck!' von Boris uns alle wieder ins Leben rief.
Mit sage uns schreibe 150km/h, wie Boris später eingestand (was an sich schon Wahnsinn auf einem unbegrenzten Highway ist) hatten wir ein Känguruh überfahren. Der erste Wildunfall meines Lebens. Auf der Straße hatten anscheinend zwei Känguruhs gesessen, von denen Boris nur das erste gesehen hatte. Dieses erste war links in den Busch geflohen, das zweite war dummerweise hinterher und damit genau in unser Auto gesprungen. Boris fuhr den Wagen an den Straßenrand. Währenddessen rüstete ich mich mit Papas kleinem Jagdmesser, dass mich auf jeder Reise begleitet, eingedenk der Predigten, dass ein Tier nie mehr leiden darf als unvermeidlich. So stieß ich Stoßgebete aus, dass das Känguruh schon tot sein möge und ich nicht noch überlegen müsste, wie das Tier mit dem kleinem Messer am schnellsten zu töten sei.
Tot war die bemitleidenswerte Kreatur. Mehr als tot. Wirklich schlimm war der Moment, in dem wir bemerken mussten, dass wir nicht nur ein Känguruh getötet hatten; etwas weiter vorn auf der Straße lag das kleine Joey, dass durch die Wucht des Aufpralls aus dem Beutel seiner Mutter geschleudert worden sein musste und nun ebenfalls tot war. Das erste Baby-Känguruh, dass ich je gesehen habe. Ein wirklich tragischer Moment.
Dieser Moment hielt jedoch nicht lang. Natürlich mussten die Kadaver von der Straße gezogen werden. Just als Olaf heldenhaft diese unschöne Aufgabe übernehmen wollte, kam ein anderes Auto angerast, ohne auf unsere Lichtzeichen zu reagieren. (Wahrscheinlich Touristen, die von der Peter Falconio-Geschichte gehört hatten.) Ich steckte mir instinktiv die Finger in die Ohren, Dinka ging angewidert hinter unserem Auto auf Tauchgang, Boris kniff die Augen zu - es half alles nichts, das andere Auto raste durch unser totes Känguruh, und die Geräusche davon werde ich wohl nie vergessen.
Das nächste Problem war die Realisation der Lage. Da standen wir nun schon seit ca. 20 Minuten im Outback, und hatten ein einziges Auto gesehen, das zudem auf keinen Fall anhalten wollte. Wir hatten keinen Handyempfang, keine Zelte, Olaf zudem keinen Schalfsack, und keine Ahnung, ob das Auto noch fahrbar wäre.
Die Jungs starrten unter die Kühlhaube, als könnte das Auto vielleicht eine Selbstdignose abgeben, untersuchten die Reifen, forschten nach Lecks, Dellen und Ähnlichem. Nach einigen Fahrversuchen war bald klar, dass unser Auto nicht nur eine unhübsche Delle anbekommen hatte, sondern auch böse humpelte. Möglichkeit 1: Die Reifen hatten einen Schlag abbekommen. Möglichkeit 2: Die Achsen waren hinüber, oder die Spur verstellt.
Es half alles nichts, wir waren im Outback und konnten nicht einfach so die Nacht in der Kälte bei den Dingos verbringen, also stiegen wir ins Auto und fuhren bei gedrückter Stimmung mit vorsichtigen 40km/h nach Daly Waters. Unterwegs sahen wir am Straßenrand auch die ersten wilden Kühe - wenigstens hatten wir keine von denen erwischt.
Der Daly Waters Pub ist eine Attraktion. Von den Wänden hängen Kreditarten, Ausweise, Passbilder, BH's, Flip Flops, T-Shirts und allerlei andere Dinge, die Durchreisende hinterlassen haben. Drinnen laufen feinste Oldies und Country-Evergreens, es geht zünftig zu und man hat einen derben Humor. Wir nahmen uns zwei Zimmer und saßen stumm in all dem Trubel an einem Fass, bestellten Bier und Sandwiches, für Boris und mich dazu Whisky, während Dinka, unsere Kroatin, Wodka bevorzugte, und Olaf kurzzeitig verschwunden war. Das erste Lied, dass ich hörte, war übrigens genau jenes Lied, dass ich aus unbekannten Gründen den ganzen Tag schon gepfiffen und damit meine Mitreisenden maltretiert hatte. Der gesamte Pub grölte melancholisch und da hielt es auch mich nicht mehr auf dem Stuhl; so sang ich im Chor der Gestrandeten: Bye bye Miss American Pie/drove my Chevy to the levee, but the levee was dry/Them good old boys were drinking whiskey and rye/ Singing, this'll be the day that I die, this'll be the day that I die...
Am nächsten Morgen, nach wilden Spekualtionen wie lange wir denn nun in Daly Waters festsitzen würden, wurden die Jungs Russel vorgestellt. (Ja, es ist eine andere Welt da draußen. Die Mädchen trinken Kaffee, und die Jungs reden über das Wichtige und das Auto.)Einer der Barangestellten hatte mitbekommen, dass wir Probleme mit unserem Auto hatten. "So, did you call Russel?" Natrülich nicht, denn woher hätten wir Russel kennen sollen. Kurze Zeit später kam dann ein drahtiger älterer Mann durch die Tür, ein Outbackbewohner aus dem Bilderbuch. "So, you've had an exident. How's the 'Roo?" Dann nahm er die Jungs mit, sah sich das Auto an und erklärte (ich verlasse mich hier auf Augenzeugenberichte, ich war ja nicht da): "I've been a mechanic for over 30 years now and I tell you, it's the tyres!" Dann gab es Bier für alle (um ungefähr 12), die Jungs tauschten wild die Reifen und wechselten einen gegen das Reserverad, und kurze Zeit später konnten wir Daly Waters verlassen, mit den Versprechen an uns selbst nie wieder im Dunkeln zu fahren. Dinka und ich waren ein Bißchen traurig...wir hatten uns gerade an den Gedanken gewöhnt, Outback-Queens ins zerissenen Jeans zu werden, Bier zu servieren, gegrilltes Beef am Abend zu essen und den Tag in der Sonne mit Faulheit zu vergeuden, während wir den 'Touristen' zusahen, die aus ihren Bussen hüpften, Sachen an die Wände pinnten, ein kleines Bierchen tranken und dann wieder verschwunden waren.
Im nächsten Ort (alles was mehr hat als einen Pub und eine Tankstelle) erstanden wir schließlich neue Reifen, und so war das Drama beendet. Der Reifenhändler war sehr begeistert - einen derartig abgebremsten Riefen wie den unseren hatte er auch noch nicht gesehen. (Siehe Foto - Respekt an Boris.)
Und um nun noch ein versöhnliches Ende für die Geschichte zu finden: Am Ende meiner eigenen Tour zum Uluru hatte ich noch einen Tag Aufenthalt in Alice Springs. Ich bin katholisch und mit den Prinzip von Buße und Vergebung vertraut. Nachdem mich also seit Tagen ein kleines und ein großes Känuruh im Traum verfolgt hatten, habe ich die Baby Joey Rescue Station besucht. Hier werden die kleinen Känguruhs abgeliefert welche die Unfälle, bei denen ihre Mütter sterben, überleben und aufgezogen werden müssen. Ich habe ein Joey gehalten, getragen, mich informiert, und mein Gewissen gereinigt. Noch nie habe ich so freudig den Eintritt (5 Dollar Unterstützungsgebühr) bezahlt. Ich sagte ja, ich bin katholisch.











